08.08.2008
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Last Samurai - Film und Wirklichkeit

Die Abschaffung des Kriegerstandes und die Aufstände ehemaliger bushi in Japan von 1868 bis 1877

Der Film Last Samurai gibt nicht vor, eine historische Begebenheit nachzuzeichnen. Seine Macher können die Handlung deshalb frei erfinden und Personen und Orte so einsetzen, wie es der Dramaturgie entspricht. Deutlich ist jedoch, dass die Handlung des Films von einigen historischen Ereignissen und Personen inspiriert wurde. Um mögliche Parallelen zu finden und mehr über die tatsächlichen historischen Ereignisse der Zeit zu erfahren, in der der Film angesiedelt ist, hat eine Arbeitsgemeinschaft von Studierenden der Geschichte Japans recherchiert und ihre Ergebnisse in Form des folgenden Textes zusammengestellt. Wir wollen dem Film mit unseren Anmerkungen nicht eine Historizität absprechen, die er gar nicht beansprucht, sondern wollen für diejenigen, deren Interesse an der japanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts geweckt wurde, Hintergrundinformationen und Hinweise zur weiteren Lektüre geben. Zur Filmhandlung verraten wir nichts, was nicht auch durch Trailer und Werbung bekannt wäre – einige der Parallelen zwischen filmischer Darstellung und Wirklichkeit müssen unsere Leserinnen und Leser deshalb selbst ziehen. Da uns der Film in erster Linie als Aufhänger für die Vertiefung einer interessanten Phase der neueren Geschichte Japans gedient hat, ist es nicht unser Ziel, ihn in allen Einzelheiten zu erklären. Vielmehr nehmen wir die Grundhandlung nur zum Ausgangspunkt für eine nähere Betrachtung dessen, was wirklich geschehen ist, als die herrschende Kriegerelite in Japan durch das Eindringen des Westens zur raschen Modernisierung des Landes gezwungen wurde.

1. Filmhandlung und mögliche historische Parallelen
In Last Samurai spielt Tom Cruise die Rolle von Captain Algren, einem Veteranen des us-amerikanischen Bürgerkrieges, der – alkoholkrank und von Alpträumen über das brutale Vorgehen der US-Kavallerie gegen Indianer geplagt – als Repräsentant der Waffenfirma Winchester arbeitet. Von einer japanischen Delegation wird er 1876 angeheuert, bei der Ausbildung des neuen Wehrpflichtigenheeres in Japan zu helfen.

Nach der Meiji-Restauration 1868 war die Ständegesellschaft der Tokugawa-Zeit (1603–1867) abgeschafft worden. Damit hatten die bushi – der Kriegerstand – das Privileg verloren, alleine zum Tragen von Waffen und zum Armeedienst befugt zu sein. Nach einer Übergangszeit mit einzelnen Kampfhandlungen zwischen Anhängern der ehemaligen Tokugawa-Regierung und kaisertreuen Truppen sowie Versuchen, auf lokaler Basis Heere aufzustellen, verkündete die neue japanische Regierung dann am 28. Januar 1872 die Errichtung eines Milizheeres und führte damit eine allgemeine Wehrpflicht für alle Schichten der Bevölkerung ein.

Da es diverse Ausnahmen von dieser Wehrpflicht sowie die Möglichkeit gab, sich von diesem Dienst freizukaufen, wurden de facto zumeist arme Bauern eingezogen. Für die ehemaligen bushi, die je nach ihrem vormaligen Rang im Kriegerstand in den neuen Bevölkerungsregistern als shizoku (Adelige) oder heimin (Bürgerliche) geführt wurden, scheint ein Dienst in dieser neuen Wehrpflichtigenarmee nicht besonders attraktiv gewesen zu sein. Die meisten ehemaligen bushi mussten sich infolge der drastischen Reduzierung ihrer Entlohnung durch den Staat – der vormaligen Ernährungsgrundlage des Kriegerstandes – und der neuen Berufsfreiheit ein anderes Auskommen suchen. Nur wenige fanden dieses Auskommen als Berufssoldaten mit hohen Dienstgraden in der modernen Armee des japanischen Staates.

Captain Algren wird im Film Last Samurai nach Japan geholt, um bei der Ausbildung dieser neuen Wehrpflichtigenarmee zu helfen. Trotz des völlig unzureichenden Ausbildungsstandes des Heeres muss Captain Algren mit seinen Männern bald in den Kampf ziehen, um einen Aufstand ehemaliger bushi niederzuschlagen. In der Schlacht zwischen den verängstigten Wehrpflichtigen und den aufständischen Profi-Kriegern werden die von Captain Algren ausgebildeten Rekruten vernichtend geschlagen, der Captain selbst gerät in die Gefangenschaft der Aufständischen. Er überwintert im Dorf der Aufständischen, das die Drehbuchschreiber nach Yoshino, in die Berge ca. 120 km südlich von Kyôto, verlegt haben. In der japanischen Geschichte wird diese Gegend deshalb gern mit Rebellen assoziiert, weil hier im 14. Jahrhundert fast 60 Jahre lang ein Zweig des Kaiserhauses ausharrte und nach seinem gescheiterten Versuch, die Macht für das Kaiserhaus von den bushi zurückzuholen, auf die Rechtmäßigkeit seines Herrschaftsanspruchs über Japan pochte (nach der gescheiterten so genannten Kenmu-Restauration 1333–1336).

Im Laufe seines Aufenthaltes in Yoshino lernt Captain Algren seine ›Gastgeber‹ so sehr schätzen, dass er am Ende 1877 an ihrer Rebellion teilnimmt. Diese Rebellion richtet sich nach den Aussagen der Aufständischen gegen die Berater des japanischen Kaisers Mutsuhito (Meiji Tennô, Regierungszeit 1868–1912), die mit ihrer Modernisierung des Landes – wie zum Beispiel der Einrichtung eines aus Bauernrekruten bestehenden Wehrpflichtheeres – den traditionellen japanischen Geist, wie er von den bushi verkörpert wird, verraten.

Der Aufstand, so wie er im Film gezeigt wird, hat nie stattgefunden, Captain Algren, der Anführer der Aufständischen Katsumoto und sein japanischer Gegenspieler, einer der neuen Berater des Kaisers, sind frei erfundene Charaktere. Dennoch erinnern Handlung und Personen des Filmes an historische Ereignisse. Die offensichtlichste Parallele besteht zum letzten und zugleich größten Aufstand ehemaliger bushi, der tatsächlich 1877 stattfand. Diese Satsuma-Rebellion wurde von Saigô Takamori angeführt wurde, dessen Figur wiederum den Filmhelden Katsumoto inspiriert haben könnte. Als Vorlage für Katsumotos Gegenspieler in der japanischen Regierung – im Film Ômura genannt – könnte Ôkubo Toshimichi gedient haben. Dieser stammte aus dem gleichen Territorium wie Saigô Takamori und war anfangs eng mit diesem befreundet. Er stieg dann in hohe Regierungsämter der Meiji-Regierung auf und wurde durch die Diskussion über die Notwendigkeit einer japanischen Invasion in Korea 1873 zum Gegner von Saigô Takamori. 1874 ließ Ôkubo einen Aufstand von bushi in Saga (Nord-Kyûshû) niederschlagen. Viele bushi warfen ihm daraufhin despotische Züge im Umgang mit regierungskritischen Bewegungen vor.

Für Captain Algren lassen sich nicht so leicht offensichtliche Vorbilder finden. Es gab in der Tat ausländische Militärberater in den 1870ern in Japan, aber die meisten von ihnen waren vor oder direkt nach der Meiji-Restauration ins Land gekommen und stammten eher aus Frankreich, Großbritannien oder Preußen denn aus den USA. Der französische Kriegsminister General Randon z.B. schickte 1866 auf Anfrage des Shôgun eine Gruppe von fünfzehn Militärberatern nach Japan, die Truppen der Tokugawa-Militärregierung in westlicher Kriegsführung ausbilden sollten. Allerdings endete nach dem Sieg der kaisertreuen Truppen in der Meiji-Restauration die Mission dieser Militärberater. Anstatt jedoch wie geplant nach Frankreich zurückzukehren, blieben einige der Berater im Land und schlossen sich dem Widerstand der Tokugawa-treuen Truppen gegen die kaiserlichen Truppen an. Einer von ihnen, Jules Brunet, kämpfte sogar mit den Truppen von Enomoto Takeaki in Hokkaidô, wurde nach der Niederlage von Enomotos Truppen gegen die kaiserliche Armee gefangen genommen und den französischen Behörden für ein Gerichtsverfahren überstellt. Ein anderer Militärberater, dessen Wirken gut dokumentiert ist, war Carl Köppen (1833–1907), der von Dezember 1869 bis Juni 1871 in Kii-Wakayama, südlich von Ôsaka, eine Armee von 6.000 Leuten aufstellte und ausbildete. Da er diese Armee aber im Dienste der lokalen Führer von Kii-Wakayama aufgestellt hatte, wurde seine Anstellung 1871 beendet, als die Zentralregierung beschloss, derartige Lokalarmeen abzuschaffen. Köppen kehrte daraufhin friedlich und freiwillig nach Preußen zurück.

Um nun die historischen Hintergründe, auf die im Film angespielt wird, besser zu verstehen, lohnt es sich, einige Ereignisse wie die Meiji-Restauration oder den Satsuma-Aufstand sowie die historischen Personen Saigô Takamori und Ôkubo Toshimichi etwas näher zu betrachten.

2. Die Meiji-Restauration (1868)
Als die Meiji-Restauration im engeren Sinn bezeichnet man den Staatsstreich am 3. Januar 1868 (nach westlichem Kalender), bei dem Truppen aus den feudalen Territorien Satsuma (heutige Präfektur Kagoshima auf Kyûshû) und Chôshû (heutige Präfektur Yamaguchi im Südwesten der Hauptinsel Honshû) den Kaiserpalast in Kyôto besetzten und verkündeten, dass die politische Macht von der Militärregierung der Tokugawa (dem Tokugawa-Bakufu) wieder an den Kaiser zurück übertragen wurde.

Dem vorangegangen waren Jahrzehnte wirtschaftlicher Probleme und politischer Instabilität in Japan. Die Landung amerikanischer Kriegsschiffe in der Bucht von Edo – dem heutigen Tokyo und damaligen Sitz des Tokugawa-Bakufu – im Jahre 1853 hatte die Öffnung einiger Häfen für ausländische Schiffe und danach Handelsverträge zu für Japan ungünstigen Konditionen mit westlichen Staaten zur Folge. Die Frage des Umgangs mit den ausländischen Ansprüchen an Japan spaltete die politische Elite des Landes. Vereinfacht gesprochen befürworteten viele derjenigen, die an der Militärregierung der Tokugawa beteiligt waren, die Aufrechterhaltung der Abschließung des Landes gegenüber dem westlichen Ausland. Gegner des Tokugawa Bakufu kamen vor allem aus den Kriegerfamilien, die bei der Reichseinigung durch Tokugawa Ieyasu in der Schlacht von Sekigahara 1600 auf der Verliererseite gestanden hatten und in der folgenden Tokugawa-Zeit (1603–1867) feudale Territorien als Lehen bekommen hatten, die weit weg vom politischen Zentrum Edo lagen. Diese Koalition von Gegnern des Tokugawa-Bakufu wurde von den Territorien Satsuma und Chôshû angeführt, deren politische Elite die Öffnung des Landes und die rasche Modernisierung befürwortete, um Japan mittels moderner Waffen in den Stand zu versetzen, sich gegen ausländische Kolonisationsversuche wehren zu können. Um die eigene Politik gegen die amtierende Militärregierung durchsetzen zu können, führten die beiden Territorien den eingangs erwähnten Staatsstreich durch. Ideologisch legitimiert wurde dieser Akt dadurch, dass dem gerade auf den Thron gelangten jungen Kaiser Mutsuhito die Macht zurückgegeben werden sollte, die die japanischen Kaiser Jahrhunderte vorher an einen obersten Militärführer (Shôgun) delegiert hatten. Die Kaiser hatten nämlich seit dem 9. Jahrhundert bereits die politische Macht bzw. die Führung von Regierungsgeschäften aus der Hand gegeben und de facto 1192 den mächtigsten Militärführer des Landes, Minamoto no Yoritomo, zum Shôgun ernannt, der fürderhin die Regierungsgeschäfte für den Kaiser führen sollte. Dieser Führungsauftrag des Kaisers an die Krieger endete durch die Restauration der Kaisermacht Anfang 1868, die Tokugawa und ihre Anhänger wurden entmachtet – und die Führer der aufständischen Territorien Satsuma, Chôshû und einiger anderer Tokugawa-Gegner übernahmen als neue Berater des jungen Kaisers die politische Macht.

Als Regierungsdevise suchte sich der junge Kaiser die Bezeichung Meiji, »erleuchtete Regierung«, aus. Mit dieser Regierungsdevise wird die gesamte Regierungszeit des Kaisers bezeichnet – Meiji-Zeit (1868–1912) –, für den Kaiser ist Meiji allerdings erst der posthume Name, weshalb die im Film verwendete Bezeichung »Emperor Meiji« bzw. »Kaiser Meiji« bestenfalls ahistorisch, schlimmstenfalls eine Mäjestätsbeleidigung ist. Interessanterweise wird dieser Fehler in den japanisch gesprochenen Abschnitten des Films nicht gemacht – die japanischen Protagonisten verwenden die korrekten Bezeichnungen ihrer Zeit, z.B. »Kaiserliche Hoheit« (der moderne Ômura) oder »Mein Herr« (i.S. v. Herrscher bzw. Lehnsherr in der Kriegerhierarchie (der Traditionalist Katsumoto).

3. Die Abschaffung des Kriegerstandes
Eines der Kennzeichen der Gesellschaft der Tokugawa- oder auch Edo-Zeit war die strikte Einteilung der Bevölkerung in Stände. An der Spitze dieser Hierarchie standen die Krieger, danach kamen die Bauern, dann die Handwerker und zuletzt die Kaufleute. Der oft durch die Übersetzung aus dem Englischen verwendete Begriff der Klasse für diese Gruppierungen ist problematisch, da viele Elemente, mit denen Soziologen den Begriff der Klasse definieren, auf die Stände der Tokugawa-Zeit nicht zutreffen. Anders als Klassen hatten die Stände der Tokugawa-Zeit eine durch Geburt festgelegte Zugehörigkeit. Auch sagte die theoretische Hierarchie der Stände nicht viel über die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse der einzelnen Angehörigen eines Standes aus. Gerade gegen Ende der Tokugawa-Zeit verarmte der an der Spitze der Hierarchie stehende Kriegerstand dramatisch, der am Ende der Hierarchie angesiedelte Stand der Kaufleute hatte hingegen viele wohlhabende Angehörige.

Die Bezeichnung Samurai für die Angehörigen des Kriegerstandes hat sich zwar in der westlichen – vor allem populärwissenschaftlichen – Literatur eingebürgert. In der japanischen Literatur wird demgegenüber aber der Fachterminus bushi für die Angehörigen des Kriegerstandes verwendet, da samurai ursprünglich nur eine der vielen Bezeichnungen für einen Dienstgrad bzw. eine Form der Vasallität im komplexen Geflecht der Abhängigkeitsbeziehungen der Kriegerfamilien untereinander war.

Das Ständesystem der Tokugawa-Zeit wurde nach der Meiji-Restauration abgeschafft, fast alle Bewohner Japans wurden nunmehr als heimin (Gemeine, Bürger) in den Bevölkerungsregistern geführt. Einzig ehemalige Hofadelige erhielten den Status des kazoku (Adeliger), ehemals in den Rangstufen des Kriegerstandes hoch angesiedelte bushi erhielten den Adelsrang des shizoku.

Anfangs – direkt nach der Meiji-Restauration – verwalteten viele ehemalige bushi die Gebiete weiter, die ihre Familien in den letzten Jahrhunderten als Territorium unter sich hatten. 1871 beschloss die neue Zentralregierung aber dann, diese zu sehr mit der ehemaligen Feudalherrschaft verbundenen Lokalbeamten durch von der Zentrale entsandte Beamte aus anderen Landesteilen zu ersetzen. So sollte der Regionalismus geschwächt und die Macht der Zentrale gestärkt werden. Die Ersetzung gelang aber nicht in allen Gebieten, besonders in den Gebieten wie Kagoshima (ehemals Satsuma), die auf eine lange Tradition regionaler Unabhängigkeit von der Zentrale zurückblickten, konnten die neuen, entsandten Beamten nicht Fuß fassen und wurden wieder durch die alten, in der Region beheimateten Führer ersetzt. Der Versuch der Zentrale, die regional ansässigen Führer durch fremde, von der Zentrale geschickte Gouverneure zu ersetzen, führte dann in einigen Gebieten zu Konflikten mit der Zentrale, die sich in Aufständen ehemaliger bushi gegen die Zentrale entluden.

Den ehemaligen bushi ging es nach der Meiji-Restauration wirtschaftlich viel schlechter als vorher, da die Bezüge, die sie zur Tokugawa-Zeit automatisch aus ihrem Territorium erhalten hatten, vom japanischen Staat nach 1868 drastisch gekürzt worden waren, teilweise auf nur 1 oder 2 Prozent der ehemaligen Entlohnung. Die meisten unteren Ränge mussten sich deshalb schnellstens ein neues Auskommen suchen. Viele wurden mit Starthilfe des Staates Bauern oder gründeten eigene Betriebe. Die oberen Ränge aus den Gebieten jedoch, die die Meiji-Restauration getragen hatten, wurden in der Regel Beamte des neuen Staates. In den Ministerien der Meiji-Regierung waren in den ersten Jahren rund 80 Prozent der Beamten ehemalige bushi. Die Führer der Meiji-Restauration bekamen Beraterposten für den Kaiser und bestimmten als eine überschaubare Gruppe von Politikern die ersten Jahrzehnte der Politik in der Meiji-Zeit derart, dass man sie unter dem Begriff »Meiji-Oligarchen« zusammenfasst.

4. Saigô Takamori (1827–1877) und Ôkubo Toshimichi (1830–1878)
Zwei dieser Meiji-Oligarchen könnten die japanischen Hauptdarsteller des Films Last Samurai inspiriert haben. Obwohl es im Film so aussieht, als sei Katsumoto der einzig wahre ›Samurai‹, hätte es Captain Algren in der japanischen Realität des Jahres 1877 bei beiden japanischen Hauptdarstellern mit ehemaligen bushi – also ›Samurai‹ zu tun. Allerdings hatte sich der eine von beiden – Ômura – als enger Berater des Kaisers der totalen Verwestlichung seines Landes durch westliche Militärtechnik und Eisenbahnbau verschrieben, während der andere – Katsumoto – sich als der eigentliche Bewahrer der kaiserlichen Herrschaft und des traditionellen japanischen Kriegerideals darstellt.

Das potentielle Vorbild für Katsumoto ist Saigô Takamori. Dieser wurde 1827 in Satsuma als Sohn eines verarmten bushi niederen Ranges geboren. Nach einer militärischen und philosophischen bzw. zen-buddistischen Ausbildung ging er für den Feudalfürsten seines Territoriums Satsuma als eine Art Privatsekretär nach Edo, fiel aber nach dem Tod dieses Mentors in Ungnade. Es folgten ein erfolgloser Selbstmordversuch und Verbannungen. Einige Jahre vor der Meiji-Restauration wurde er wieder in den Militärdienst Satsumas gestellt und war im Frühjahr 1868 ein Anführer der kaiserlichen Truppen, die gegen Unterstützer des Tokugawa-Bakufu zogen, die die Meiji-Restauration nicht anerkennen wollten. Berühmt wurde er dadurch, dass er mit dem Repräsentanten des Bakufu die friedliche Übergabe der Burg der Tokugawa in Edo aushandelte, wodurch der Übergang der Macht vom Bakufu auf den Kaiser unblutig vonstatten ging. In die Burg von Edo zog dann 1869 die Kaiserfamilie um, der Film zeigt Außenaufnahmen vom Gelände des heutigen Kaiserpalastes in Tokyo. Der Treppenaufgang und die Innenaufnahmen sind allerdings nachgestellt; denn noch heute wohnt die kaiserliche Familie in diesem Palast, dessen Gelände für die Öffentlichkeit unzugänglich ist (die einzige Ausnahme wird zu Neujahr gemacht, wenn Besucher nach strengen Sicherheitskontrollen zumindest über das Gelände des Kaiserpalastes laufen und die regelmäßig auf einem Balkon erscheinende Kaiserfamilie betrachten dürfen).

Bereits 1868, ein Jahr vor dem Umzug des Kaisers, war Edo in Tokyo (= ›östliche Hauptstadt‹) umbenannt und offiziell zur Hauptstadt des Landes gemacht worden. Saigô Takamori hatte sich aber schon bald nach der Konsolidierung der Macht des Kaisers und seiner neuen Berater wieder nach Kagoshima (Satsuma) zurückgezogen. Erst 1871 wurde er von den ehemaligen bushi und neuen Oligarchen als Berater für die Regierung zurück nach Tokyo gerufen und wirkte dort unter anderem an der Abschaffung der feudalen Territorien und deren Umwandlung in modernen Präfekturen mit. Er war eines der wenigen Regierungsmitglieder, das nicht an der nach ihrem Leiter Prinz Iwakura Tomomi benannten Iwakura-Mission teilnahm. Diese Mission, auf der über hundert japanische Politiker und Gelehrte zwei Jahre (1871–1873) durch die ganze Welt reisten, diente dazu, überall neuestes Wissen und neueste Technologie für Japan aufzunehmen. Während der Abwesenheit vieler führender Politiker bildeten einige Oligarchen – unter ihnen Saigô – eine Regierungsvertretung in Japan. Als ein solcher Regierungsvertreter war Saigô der Ansicht, dass Japan Korea genauso mit Androhung von Gewalt für ausländische Einflüsse öffnen solle, wie die USA dies mit Japan gemacht hatten. Als die Iwakura-Mission 1873 nach Japan zurückkehrte, wurde die geplante Entsendung japanischer Truppen nach Korea allerdings besonders von Iwakura, dem Leiter der Expedition und wichtigem Staatsmann der Meiji-Regierung, abgelehnt. Saigô zog sich daraufhin enttäuscht nach Kagoshima/Satsuma zurück, wo er mit Gleichgesinnten Militärschulen gründete. Von seinen Anhängern ging schließlich im Frühjahr 1877 eine Rebellion aus, bei der von ihm geführte ehemalige bushi mit Schwertern gegen die mit modernen Gewehren ausgerüstete kaiserliche Armee kämpften. Die Rebellen waren zahlenmäßig und technisch hoffungslos unterlegen, ihr Anführer Saigô Takamori beging auf dem Schlachtfeld Selbstmord.

Das Vorbild für Ômura könnte der bereits genannte Ôkubo Toshimichi sein. Auch er stammte aus dem Territorium Satsuma und war der Sohn eines bushi mit niederem Rang. Wie Saigô Takamori wurde er vom Feudalherren von Satsuma protegiert und spielte wie Saigô eine wichtige Rolle in der Bewegung von Unzufriedenen, die in der Meiji-Restauration das Tokugawa-Bakufu entmachteten. In der Meiji-Zeit stieg er schnell in wichtige Positionen auf, wurde u.a. kaiserlicher Berater und 1871 Finanzminister. Er hatte wesentlichen Anteil an der Abschaffung der alten feudalen Territorien, der Landsteuerreform und dem Verbot des Tragens von Schwertern.

Dieses Edikt wurde von der Meiji-Regierung im März 1876 verkündet und beschränkte das Tragen von Schwertern auf formale Anlässe und die Angehörigen von Militär und Polizei. Bereits 1871 hatte die Regierung ein Dekret verkündet, das alle Männer dazu aufrief, anstatt des bis dahin üblichen, am Hinterkopf hochgesteckten Zopfes westliche Kurzhaarfrisuren zu tragen. Es handelte sich dabei um eine Empfehlung, ein Verstoß dagegen war also kein Straftatbestand; und tatsächlich lehnten es viele der Krieger, die der rapiden Verwestlichung der neuen Regierung kritisch gegenüber standen, ab, sich die Haare kurz zu schneiden.

5. Der Satsuma-Aufstand 1877
In den ersten zehn Jahren nach der Meiji-Restauration starteten viele der mit den politischen Entwicklungen unzufriedenen ehemaligen bushi lokal begrenzte Aufstände, die in der Regel von der Zentralregierung rasch niedergeschlagen wurden. Über die Ursachen dieser Aufstände gehen die Meinungen unter Historikern auseinander, ein Großteil der Historiker betrachtet die Aufstände jedoch als reaktionäre, antimodernistische Bewegungen derjenigen, die sich als Verlierer der Meiji-Restauration sahen und die Wiedererlangung ihrer verloren gegangenen Privilegien anstrebten. Diese Sichtweise vernachlässigt allerdings die Tatsache, dass gerade die Führer der beiden größten Aufstände, Etô Shinpei in Saga 1874 und Saigô Takamori in Satsuma 1877, die Existenz des Meiji-Staates keinesfall in Frage stellten und selbst vormals führende Politiker dieses Staates waren. Ihre Aufstandsbewegungen resultierten daraus, dass sie sich mit der Zentrale überworfen hatten und versuchten, ihre Interessen gegenüber anderen Machtgruppen erneut durchzusetzen.

Als Saigô Takamori sich nach der Auseinandersetzung um eine mögliche japanische Invasion in Korea beleidigt aus Tokyo zurückgezogen hatte, waren ihm viele seiner Anhänger zurück nach Kagoshima (Satsuma) gefolgt, wo sie Posten in der Lokalverwaltung fanden oder an den von Saigô gegründeten Militärschulen arbeiteten. Der Zentralregierung war diese Ansammlung von regierungskritischen Kräften in Kagoshima suspekt, deshalb wurde beschlossen, ein Munitionsdepot der Regierung dort zu räumen. Angehörige von Saigôs Militärschulen kamen den zu diesem Zweck ausgesandten Marineeinheiten aber zuvor und besetzten das Munitionsdepot. Erst als die Situation schon so weit eskaliert war, wurde Saigô vom Stand der Dinge unterrichtet. Obwohl dieser für sich bereits den Rückzug aus allen Regierungsangelegenheiten beschlossen hatte, ließ er sich Ende Januar 1877 von seinen Anhängern zum Führer des nun ausgebrochenen Aufstandes erklären und stellte ein Heer von 25.000 schlecht ausgerüsteten Kriegern zusammen, mit dem er in Richtung Tokyo zu marschieren gedachte.

Zuerst griffen die Aufständischen die Burg von Kumamoto an, wo sich der dortige General mit seinen Regierungstruppen verteidigte. Als diesen weitere 40.000 Regierungssoldaten zu Hilfe kamen – der Kaiser hatte sofort nach Bekanntwerden des Aufstandes ein Dekret erlassen, das die Niederschlagung der Rebellion befahl – wurden Saigôs Truppen schnell in die Defensive gedrängt und in die Flucht geschlagen. Diese Flucht überlebten nur einige hundert Mann. Ohne Munition und Vorräte umzingelt, wurden Saigô und seine letzten Getreuen im Morgengrauen des 24. September 1877 schließlich von Regierungstruppen angegriffen und vernichtend geschlagen. Saigô soll durch rituellen Selbstmord, seppuku, gestorben sein.

Obwohl als Rebell gestorben, wurde Saigô bereits kurz nach seinem Tod als Held verehrt, für ihn und seine Anhänger wurde ein großes Grabmal in Kagoshima errichtet. 1891 wurde er offiziell rehabilitiert und in den dritten Adelsrang erhoben. Heute erinnert eine berühmte Statue in Tokyos Ueno-Park an ihn, die ihn zeigt, wie er in Freizeitbekleidung seinen Hund ausführt.

6. Film und Wirklichkeit
Die meisten möglichen Parallelen zu historischen Ereignissen und Persönlichkeiten sind natürlich auch vielen anderen Beobachtern aufgefallen und mehr oder weniger offensichtlich. Wir hoffen, dass unsere Ausführungen Interessierten helfen, sich ein eigenes Bild zu machen – und für sich selbst die Übereinstimmungen und Abweichungen zu den tatsächlichen Ereignissen herauszuarbeiten. Dabei wird dann vielleicht auch klar, dass man mit Informationen aus einem Film, der in erster Linie ein Actionfilm und keine historische Dokumentation ist, vorsichtig umgehen muss. Zwar suggeriert uns die Filmhandlung, nach der Meiji-Restauration hätten die Erben der ›Samurai‹ ihre edlen Werte gegen die verweichlichten Vertreter rückhaltloser Verwestlichung verteidigt, aber die tatsächlichen Entwicklungen in Japan waren viel komplexer. In der fiktionalen Welt des Last Samurai ist es natürlich völlig zulässig, die durch das Eindringen des Westens in Japan hervorgerufenen Konflikte auf die Auseinandersetzung zwischen Tradition (Katsumoto) und Moderne (Ômura) zu reduzieren und vor diesem Hintergrund eine spannende Geschichte zu erzählen. Die Beschäftigung mit den möglichen Vorbildern zeigt dann zwar, dass diese Zuordnungen bei historischen Persönlichkeiten und den tatsächlichen Erhebungen von ehemaligen bushi gegen die neue, ebenfalls von ehemaligen bushi getragene Zentralregierung so einfach nicht mehr möglich ist. Aber von solchen Spitzfindigkeiten sollte sich niemand den Film vermiesen lassen – immerhin ist er in erster Linie zur Unterhaltung gedachtes Hollywood-Kino und keine Veranstaltung zur japanischen Geschichte.

Autorin und Quelle
Anke Scherer (wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sektion Geschichte Japans) für die Arbeitsgruppe »Last Samurai« (Janine Hesse, Marcel Josch, Moritz Schönberg, Florian Seidel, Martin Stroschein, Nora Zesling)

7. Literaturhinweise und Internetlinks
Meiji-Zeit allgemein
Eine hervorragende Bibliographie mit Büchern und Artikel allgemein zur politischen Geschichte der Meiji-Zeit findet man auf der Webseite von Prof. Peter Kornicki (University of Cambridge, Professor of Japanese History and Bibliography)

Biographisches zu Saigô Takamori
Morris, Ivan (1975) The nobility of failure. Tragic heroes in the history of Japan. London: Secker & Warburg, 217–275. (Chapter 9 »The apotheosis of Saigô the Great«); dieses Buch von Ivan Morris ist 1999 auch als Taschenbuch auf Deutsch erschienen unter dem Titel Samurai oder Von der Würde des Scheiterns. Frankfurt: Insel.
Ravina, Mark (2003) The last samurai. The life and battles of Saigô Takamori. Hoboken/NJ: John Wiley and Sons.
Yates, Charles L. (1995) Saigô Takamori. The man behind the myth. London; New York: Kegan Paul International.
Online Dictionary zu Saigô Takamori

Biographie von Ôkubo Toshimichi
Iwata Masakazu (1964) Okubo Toshimichi: the Bismarck of Japan Berkeley: University of California Press.

Ausländische Militärberater in Japan
Mehl, Margaret (1987) Carl Köppen und sein Wirken als Militärinstrukteur für das Fürstentum Kii-Wakayama (1869–1871). Bonn: Bonner Zeitschrift für Japanologie, Band 9.

Die Satsuma-Rebellion 1877
Buck, James H. (1973) »The Satsuma Rebellion of 1877. From Kagoshima through the siege of Kumamoto castle« in: Monumenta Nipponica, 28 (4), 427–446.
Tripler Nock, Elizabeth (1948) »The Satsuma Rebellion of 1877: Letters of John Capen Hubbard« in: The Far Eastern Quarterly, 7 (4), 368–375.
Kurzbeschreibung der Satsuma-Rebellion
Kurzbeschreibung der Satsuma-Rebellion von der »Russo-Japanese War Research Society«Library of Congress – Country Studies zum Widerstand gegen die Meiji OligarchieOriginalschwert der Satsuma-Rebellion gefällig?

Zum Film
Jonathan Dresner (2004) »How True to History is Tom Cruise’s The Last Samurai?« in: History News Network, 5. Januar 2004. Link zur Online-Fassung.

Eingereicht von Dojoguide Team
Webseite http://www.dojoguide.org

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